DBB JAHRESTAGUNG 2026 Grundsatzrede von Michel Friedman „Wir Demokraten müssen uns das erste Wort wieder zurückholen“ Mit Fragen zur Zukunft der Demokratie rüttelte Michel Friedman die Teilnehmenden der dbb Jahrestagung 2026 auf. In seiner Grundsatzrede in Köln warnte der Jurist und Publizist vor Bequemlichkeit, Hass und dem Verlust von Streitkultur – und appellierte, wieder Verantwortung zu übernehmen. Zum Einstieg in seinen Vortrag am zweiten Tag der dbb Jahrestagung 2026 am 13. Januar 2026 in Köln fragte Prof. Michel Friedman die Anwesenden: „Sind Sie sicher, dass Deutschland in drei Jahren noch ein freies Land ist? Sind Sie sicher, dass Deutschland in drei Jahren noch ein demokratisches Land ist?“ Er nannte das Fragezeichen „das Wunder der Aufklärung, dem Glauben Wissen entgegenzusetzen“. Es seien die Repräsentanten autoritärer Systeme, so der Jurist, Publizist und Philosoph, die das Fragezeichen als größte Gefahr erleben, weil sie das Infragestellen als Beginn des Machtverlustes erleben. „Ich bin ein trauriger Mensch“, bekannte Friedman. Er sei aufgewachsen mit der Frage „Warum?“. Seine Familie ist dem Holocaust zum Opfer gefallen. Nur wenige Mitglieder, darunter die eigenen Eltern, wurden von Oskar Schindler gerettet. „Aber dieses ‚Warum‘ ist gleichzeitig das größte Geschenk in meinem Leben.“ Er habe sich, obwohl er erst mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen war und schon auf dem Schulhof in schmerzhafter Weise Antisemitismus erlebt hatte, mit 18 einbürgern lassen. Er sei Deutscher geworden, „weil ich mich entschieden habe, hier zu leben, … weil ich Ihnen vertraut habe und weil ich diese Verfassung aufgesogen habe“, deren Humanität großartig und für ihn das größte Versprechen sei: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Demokratie respektiert jeden einzelnen Menschen. Auch das habe er in der Schule erlebt, in Person einer Lehrerin, die ihm, der zunächst nur Französisch gesprochen habe, Nachhilfe in Deutsch angeboten habe. Als Schulsprecher forderte er einige Jahre später extra Sprachunterricht für Kinder mit Migrationshintergrund. Überhaupt sei Bildung essenziell für das Humanitäre: „Ich hatte noch nie Angst vor der Vielfalt des Menschen, sondern vor seiner Einfalt.“ Wenn einige in unserem Land dazu übergingen, die Würde einzelner Menschen anzutasten, „wenn Menschen sich wieder anmaßen, zu bestimmen, ob ein Mensch ein Mensch ist“, dann sei die Demokratie in Gefahr. Sie erfordere zudem Streitkultur. „Wir haben verlernt zu streiten“, diagnostizierte Friedman. „Der Streit ist der Sauerstoff der Demokratie.“ Der Philosoph prangerte Bequemlichkeit, Angst vor Kontrollverlust und eine Neigung von Demokratinnen und Demokraten zur Selbstaufgabe an und betonte, auch an die Menschen in der Verwaltung gerichtet: „Jeder kann zu jeder Zeit die Welt verändern. Sonst wären wir heute nicht dort, wo wir jetzt stehen.“ Zudem warnte Friedman: Die Übernahme des Zynismus à la Trump und die Aufgabe des Widerstandes gegen den Hass bedrohen die Demokratie: „Die schlechteste Demokratie ist mir lieber als die beste Diktatur.“ Daher wolle er „allen Nörglern“ sagen: „Sie können in diesem Land den ganzen Tag nörgeln. Würden Sie morgen in Moskau, Peking oder Teheran aufwachen, wären Sie entweder im Gefängnis oder tot. Insofern müssten die Nörglerinnen und Nörgler die größten Unterstützer für die Demokratie werden.“ Am meisten sei er betrübt über den fehlenden Einsatz der Demokratinnen und Demokraten. Er fragte: „Wo sind wir? Warum haben wir so eine Schüchternheit und eine Zurückhaltung? Wir Demokraten müssen uns das erste Wort wieder zurückholen.“ In der anschließenden Diskussion mit Moderatorin Anke Plättner sprach sich Friedman für ein AfD-Verbotsverfahren aus: „Eine Partei des Hasses ist eine Partei außerhalb der Demokratie, weil sie die Würde einiger Menschen für antastbar hält.“ Damit entfalle für ihn auch jegliche Grundlage der Zusammenarbeit. Ein Verbotsverfahren berge die Chance für eine öffentliche Auseinandersetzung mit den demokratiefeindlichen Standpunkten der AfD. Die Rechtsstaatlichkeit in einer wehrhaften Demokratie und der Respekt vor der Würde jedes Einzelnen erweisen sich gerade auch in einer solchen Auseinandersetzung. „Demokratie ist nicht für Konsens, sondern für den Disput geschaffen.“ Friedman beklagte, dass angesichts der kommenden Landtagswahlen viel zu früh aufgegeben werde, und fordert: „Dann stören wir doch die Gemütlichkeit!“ Es gelte, sich zu engagieren, „wir tragen die Verantwortung“. ada Prof. Michel Friedman © Marco Urban 18 FOKUS dbb magazin | Januar/Februar 2026
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