Nachgefragt bei Kilian Hampel, Universität Potsdam Die Ergebnisse sind ein Weckruf Kilian Hampel ist Co-Autor der Trendstudie Jugend in Deutschland 2026. Im Interview ordnet er die Ergebnisse ein – und sieht großen Handlungsbedarf. Herr Hampel, eine generationengerechte Rentenreform steht aus, die Herabsenkung des Wahlalters auf 16 Jahre spielt aktuell politisch keine Rolle und immer wieder ist der Vorwurf zu hören, es werde in Deutschland zu wenig gearbeitet. Ignoriert die Bundesregierung die Belange junger Menschen? Nun ja, sie repräsentiert sie nicht und ignoriert sie aktiv. Das ist schon die klare Message. Vor allem passiert mit Blick auf Themen zu wenig, die wir schon lange ansprechen. Das empfinde ich als frustrierend. Uns geht es wie anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft, die vor den Folgen des Klimawandels warnen und nicht gehört werden. Ihren Frust und den Frust der jungen Menschen kann ich sehr gut nachfühlen. Die Konsequenzen lassen sich im Wahlverhalten ablesen, die politische Polarisierung nimmt zu. Die Linke verzeichnet bei den jungen Menschen mit 25 Prozent den höchsten Zustimmungswert, gefolgt von der AfD mit 20 Prozent. Vor allem die Union und die Ampelparteien haben in der Gunst junger Wählerinnen und Wähler stark verloren. Wichtig ist: Man darf nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass besonders viele junge Menschen AfD wählen. Denn der Anteil ist bei den Älteren noch einmal höher. Dieser Aspekt geht in der öffentlichen Debatte oft unter. Fakt ist jedoch, dass sich junge Menschen den politischen Rändern zuwenden, weil sie dort eher gehört werden. Also geht es – ganz grundsätzlich – auch erst einmal um die Frage, überhaupt gehört zu werden? Das spielt in jedem Fall eine Rolle. Bereits vor einigen Jahren haben wir in einer Studie aufgezeigt, wie viele junge Menschen die AfD über TikTok erreicht. Da ist anderen Parteien bewusst geworden, welche Bedeutung den sozialen Medien zukommt. Inzwischen haben sie aufgeholt. Klar ist jedoch: Ein Tanzvideo reicht nicht, Inhalte sind ebenso gefragt. Die Linkspartei etwa hat es geschafft, die soziale Frage glaubhaft in den Vordergrund zu stellen, vor allem auch über Social Media. Das erklärt ihre Beliebtheit. Hohe Mieten und knapper Wohnraum stellen vor allem junge Studierende vor große Herausforderungen. Das zeigen auch unsere Studienergebnisse. Die aktuelle Regierung ist weit davon entfernt, dieses Problem zu lösen. Alarmierend ist, dass 29 Prozent der Befragten angeben, psychologische Unterstützung zu benötigen. Ein neuer Höchstwert. Und ausgerechnet vor Veröffentlichung unserer Studie geht die Meldung durch die Medien, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten weniger Geld bekommen sollen. Das tut weh, weil es perspektivisch genau das Gegenteil von dem bewirkt, was wir brauchen: weniger statt mehr Therapieplätze. Ebenfalls nicht zielführend: Kürzungsbestreben bei der Nummer gegen Kummer, einer wichtigen Anlaufstelle für junge Menschen. Die Politik muss erkennen, dass sich da etwas zusammenbraut. Und sie muss mehr in die psychische Gesundheit der jungen Generation investieren. Unsere Studie hat ergeben, dass sich insbesondere junge Frauen professionelle Beratungsgespräche wünschen. Junge Männer nutzen verstärkt künstliche Intelligenz, wenn sie psychologische Unterstützung brauchen. Wie müsste ein Sofortprogramm im Sinne junger Menschen aussehen? Wichtig ist vor allem, dass die Bundesregierung versteht: Junge Menschen machen die Zukunft aus, auch wenn sie gerade nicht in der Mehrheit sind. Die Politik braucht junge Menschen und junge Menschen brauchen die Politik. Es bringt nichts, die Generationen weiter gegeneinander auszuspielen. Die Kommunikation muss wieder auf Augenhöhe stattfinden. Psychisches Wohlbefinden, bezahlbares Wohnen, wirtschaftliche Sicherheit und nachhaltige Finanzbildung – die Politik muss die Themen junger Menschen anpacken und für spürbare Verbesserungen sorgen. Das komplette Interview auf staatklar.org. Die Fragen stellte Christoph Dierking. © Marc-Steffen Unger Kilian Hampel INTERN 31 dbb magazin | Mai 2026
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