BRENNPUNKT Psychische Belastung im öffentlichen Dienst Wenn Systeme überfordern Mehr Aufgaben, weniger Spielraum, wachsender Druck von allen Seiten: Beschäftigte im öffentlichen Dienst leiden überdurchschnittlich unter psychischer Belastung. Das ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Problem, das strukturelle Antworten erfordert. Psychische Belastung ist ein zentrales Thema der Arbeitswelt. Nach Angaben der DAK Gesundheit entfallen in Deutschland mehr als 340 krankheitsbedingte Fehltage pro 100 Beschäftigte auf psychische Erkrankungen. Mit durchschnittlich über 28 Krankheitstagen pro Fall verursachen psychische Erkrankungen zudem deutlich längere Ausfallzeiten als viele körperliche Diagnosen. Auch das Wissenschaftliche Institut der AOK weist darauf hin, dass die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen seit 2014 um rund 47 Prozent gestiegen sind. Diese Entwicklung spricht für strukturelle Ursachen: Digitalisierung, demografischer Wandel, Fachkräftemangel und gesellschaftliche Krisen erhöhen dauerhaft die Anforderungen an Beschäftigte. Belastung entsteht damit nicht nur individuell, sondern zunehmend im organisationalen Kontext. Gerade der öffentliche Dienst steht seit Jahren unter wachsendem Erwartungsdruck bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen. Aufgaben werden komplexer, rechtliche und politische Anforderungen steigen, während personelle Spielräume oft nicht mithalten. Beschäftigte arbeiten häufig in einem Spannungsfeld aus hoher Verantwortung und eingeschränkter Einflussmöglichkeit. Fachkräfte übernehmen Führungsverantwortung ohne ausreichende Vorbereitung oder müssen gleichzeitig kontrollieren, unterstützen und entscheiden. Diese strukturellen Spannungen wirken als Belastungsverstärker und werfen eine zentrale Frage auf: Wenn psychische Belastung maßgeblich organisationsbedingt entsteht, kann ihre Bewältigung dann allein dem Individuum überlassen bleiben? Wenn Belastung strukturell entsteht Psychische Belastung entsteht selten isoliert – das haben der öffentliche Dienst und die freie Wirtschaft gemein. Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigen jedoch, dass Beschäftigte im öffentlichen Dienst im Vergleich zur Privatwirtschaft häufig höhere Arbeitsintensität und stärkere psychische Beanspruchung erleben. Viele berichten von ständigen Unterbrechungen, paralleler Aufgabenbearbeitung und fehlenden Phasen konzentrierter Arbeit – eine mentale Überbeanspruchung potenziell mit langfristigen Folgen. Auch das Gefühl permanenter Erreichbarkeit wirkt sich laut Arbeitszeitbefragung der BAuA 2023 negativ aus, selbst wenn sie nicht ausdrücklich gefordert wird. In der dbb-Bürgerbefragung 2024 gaben über 60 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst eine hohe psychische BelasModel-Foto: Aida Koric/Colourbox.de 26 FOKUS dbb magazin | Mai 2026
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